Ökotest

ÖKO-TEST CD 92-96

ÖKO-TEST Sonderheft Kleinkinder 95 – Seite 133

Kinder, die in Secondhand-Kleidung aufwachsen, sind möglicherweise gesünder als solche, die ständig nach dem letzten Schrei gekleidet sind.

In einem Kinder-T-Shirt-Test waren neun von zehn Hemdchen mit Dioxinen belastet.

Auf der sicheren Seite hatten sich viele Hersteller von Kinderklamotten und deren Zulieferer vor unserem Kinder-T-Shirt-Test im Herbst 1994 gefühlt. Conrad Simmendinger etwa, Chef der gleichnamigen Färberei, die in Burladingen-Killer hoch droben auf der schwäbischen Alb liegt, hatte erklärt, Wert auf Qualität zu legen. "Das ist gegenüber den vielen minderwertigen Waren, die den Markt überfluten, unser Kapital." Er kaufte seine Rohstoffe bei den Chemieriesen BASF, Bayer, Ciba Geigy und Hoechst und zauberte daraus - je nach Kundenwunsch - leuchtendes Rot, sonniges Gelb oder tiefes Dunkelblau. "Dort wird nicht gepfuscht", glaubte er. "Da arbeiten doch hochkarätige Experten." Groß war daher das Entsetzen des Färbers, als wir ihm mitteilten, daß wir in einem seiner Kinder-T-Shirts auch Dioxine gefunden hatten.

Weniger erstaunt waren die beiden Wissenschaftler Dr. Michael Horstmann und Dr. Michael McLachlan von der Universität Bayreuth, die für ÖKO-TEST die Dioxin-Untersuchung durchgeführt haben. Sie kennen das Problem schon länger und wissen, woher die Gifte stammen.

Zum einen gelangen Dioxine über Pentachlorphenol (PCP) in die Bekleidung. Mit dem in der Bundesrepublik verbotenen Schimmeltöter werden Rohbaumwolle wie auch fertig produzierte Klamotten in Ägypten, Indien oder Pakistan eingenebelt, bevor sie die Reise nach Deutschland antreten.

PCP ist mit Dioxinen verunreinigt. Während sich das Anti-Schimmelmittel beim Färben und Ausrüsten in der Textilfabrik größtenteils herauswäscht, bleiben die wasserunlöslichen Dioxine im Stoff zurück. Es fand sich tatsächlich in größeren Mengen in einem Kinderhemd von Sanetta, in einem mit Micky-Mouse-Motiv von Trigema und in Oililys Brigitte-Modell.

Auch in den Test-Shirts von Esprit, Kaufhof und Hennes & Mauritz hatten die Bayreuther Chemiker Dioxine gefunden. Allerdings vermuteten sie, "daß die Belastung nicht vom PCP herrührt", so Dr. Michael Horstmann, sondern aus den Färbemitteln.

Verunreinigte Farbstoffe sind "ein uraltes Thema", bestätigt Dr. Raul Moll von Bayer. Ciba Geigy zum Beispiel beschäftigt sich schon seit Mitte der 80er Jahre mit dem Thema. Bekannt ist auch, woher die Dioxinspuren stammen. Eine der Giftquellen heißt Chloranil. Die Chemikalie dient als Ausgangsstoff bei der Farbenherstellung.

Wie viele Farbstoffe von welchen Firmen mit Dioxinen verunreinigt sind, ist schwer zu sagen. Nach Ansicht der ehemaligen Hoechst-Pressesprecherin Monika Friemann hat man die Probleme hierzulande ohnehin nur wegen der minderwertigen Waren, die aus Billiglohnländern importiert werden. "Wir bräuchten effektivere Einfuhrkontrollen", klagt sie, "damit der ganze Krempel nicht mehr ungehindert verkauft werden kann."

Unsere Test-Ergebnisse zeigen jedoch, daß auch hierzulande "Krempel" produziert wird. So gaben die Ludwigshafener BASF, die Bayer AG wie auch Hoechst auf unsere Nachfrage hin damals zu, Dioxinspuren gefunden zu haben, allerdings weit unter der Nachweisgrenze.

Doch nicht nur Dioxine, die seit der Katastrophe in Seveso eine traurige Berühmtheit erlangt haben, fanden wir in den T-Shirts. Auch halogenorganische Verbindungen, die bekanntlich zumindest Allergien auslösen können, krebsverdächtiges und allergisierendes Formaldehyd, optische Aufheller, Ausrüstungschemikalien und Schwermetalle steckten in den Hemdchen.

Kein Wunder, daß sich etliche Firmen Profit von "Öko-Siegeln" erhoffen, die sie an ihre Ware hängen.

Das ToxProof und EcoProof-Zeichen des TÜV Rheinland, der Öko-Tex-Standard 100, den mehrere Forschungsinstitute vergeben, sollen dem Verbraucher - nicht nur in der Babyabteilung - garantieren, daß Rückstände von Pestiziden aus dem Baumwollanbau, Schwermetalle oder Formaldehyd im Hemdchen unterhalb vorgegebener Grenzwerte liegen. Krebserregende Benzidinfarbstoffe sind tabu. Zwar werden an Babykleidung strengere Maßstäbe angelegt als an die der Erwachsenen. Kritische Verbraucherschützer halten solche Öko-Etiketten allerdings grundsätzlich für eine "Verbrauchertäuschung". Sie haben dafür gute Argumente.

Überprüft wird nur ein kleiner Teil der rund 8000 Färbe- und Ausrüstungschemikalien aus dem Repertoire der Textilindustrie. Die Umweltbelastung der Herstellung spielt bei der Vergabe der neuen Gütesiegel derzeit keine Rolle und auch die Beschränkung auf Naturfasern ist nicht vorgeschrieben. Die Erfahrung zeigt, daß die Hersteller keine Probleme haben, selbst für ein aufwendig ausgerüstetes Regenmäntelchen aus Kunstfaser ein Ökolabel zu bekommen.

Die Produkte der Mitgliedsfirmen des Arbeitskreises Naturtextil dagegen müssen aus Naturfasern bestehen - nach Möglichkeit aus kontrolliert biologischem Anbau -, ungebleicht und ohne optische Aufheller sein. Sie dürfen weder Kunstharz noch Chemieausrüstung enthalten und die Kontrolle auf Pestizid-, Herbizid- und Formaldehydfreiheit bestehen.

Wie viele Käufer künftig für Naturmode bis zu 30 Prozent mehr ausgeben, bleibt abzuwarten. Gabriele Kolumpar, die seit Jahren beim alternativen Kinderkleiderhersteller Engel arbeitet, ist gedämpft optimistisch. Über Schadstoffe in der Nahrung wüßten inzwischen viele gut Bescheid, bei der Chemie in der Kleidung sei dieses Bewußstein noch recht unterentwickelt. "Wichtiger ist den meisten Käufern noch immer die modische Aussage, die Farbe und die Form", weiß Werner Brunner, zuständig für den Vertrieb der Marken Absorba und Oschkosch. In Elternkreisen sind Jeansembleme von Oschkosch oder der niederländischen Marke Oililly am Latz der Kinder eine Art Statussymbol wie Lacoste oder Armani für die Großen. Neben markenbewußten Eltern sind es heute vor allem die großzügigen Großeltern, die der Branche wachsende Umsätze bescheren.

Doch auch erfahrene alternative Textilhersteller von Baby- und Kinderkleidung können bisher noch nicht auf Chemie verzichten, wenn sie den Wunsch ihrer Kunden nach farbenfrohen Kindersachen erfüllen wollen. Zum Färben verwenden sie dafür Reaktiv- oder Pigmentfarbstoffe, weil natürliche Farbpulver aus Pflanzen oder Mineralien bisher nur für Wolle und Seide den Praxistest bestanden haben.

Erwin Dümer vom Kinderausstatter MiniMatz verzichtet darauf, die Kollektion mit dem Titel "Öko" zu schmücken. Seiner Erfahrung nach gibt es bisher keine Textilien ganz ohne chemische Ausrüstung. "Wenn Sie es schaffen, unbehandelte Baumwolle zu bekommen, dann kann es ihnen passieren, daß die Paste aus Kartoffelstärke, mit der die Fasern beschichtet werden, damit sie besser durch den Webstuhl gleiten, nicht aus kontrolliertem Anbau stammt. Dann kriegen Sie darüber die Pestizide in die Kleider." Auch die Kontrolle der Vorlieferanten sei ein Problem. "Wenn ich wirklich sicher sein will, ob die Weberei nur Leinen aus kontrolliertem Anbau verarbeitet und nicht billigere, belastete Rohfasern dazukauft, müßte ich eigentlich jede neue Webstuhlpartie untersuchen lassen." Aber das könne sich ja keiner leisten.

Professor Hansjörg Cremer, Chefarzt an der Heilbronner Kinderklinik, hat während eigener langjähriger Beobachtungen festgestellt, daß Textilchemikalien und gerade Farbstoffe zu Reizungen der Haut führen können. "Besonders dann, wenn die Kinder ohnehin empfindlich sind, dringen über die gereizte Haut Substanzen ein, die normalerweise nicht durchgehen. Diese Irritationen sind wegbahnend für Allergien." Schließlich rät sogar der Verband der Textilhilfsmittelindustrie in seiner Broschüre Wissen kleidet:

"Wer zu Allergien neigt, sollte neue Kleidungsstücke mit direktem Hautkontakt nicht vor dem ersten Waschen tragen."

Fest steht allerdings, daß Kinder nicht nur eine dünnere Haut als Erwachsene haben, sondern auch eine 2,5fach größere Hautoberfläche im Verhältnis zu ihrem Gewicht. "Die Haut als wesentliches Organ zur Schadstoffaufnahme ist deshalb weit mehr belastet", wie das Hamburger EPEA-Umweltinstitut in einer Auftragsstudie für UNICEF feststellte. Zudem haben Kinder einen höheren Stoffwechsel und eine stärkere Atmung und nehmen dadurch mehr Schadstoffe auf. Sie besitzen ein schlechter ausgebildetes Immunsystem, weniger Bindungsmöglichkeiten für Gifte an Proteine im Blut. Außerdem bleiben die Gifte länger im Körper, weil Leber und Nieren und andere Entgiftungssysteme noch nicht voll arbeiten.

Der ehemalige Leiter des EPEA-Instituts, Dr. Michael Braungart: Es ist zu befürchten, daß "Kinder, die in Secondhand-Kleidung aufwachsen, gesünder sind, als Kinder, deren Eltern neue, schicke Kleidung kaufen".